© 2014 Stephanie Pech

Der Pinsel als Skalpell 


Auf den ersten Blick: eine kulinarische Verheißung. Orange leuchtende Mollusken schwimmen in türkisblauem Gewässer. Rote Langusten stehen vor einem grünen Fond. Das Kolorit sättigt sich am komplementären Kontrast. Morbid rosa oder ockergelbe Muscheln tun sich auf. Halbschritte nuancieren den vollen Akkord. Glanzlichter illuminieren schimmernde Lasuren und vergehen im farbigen Schattenspiel. Eine luzide Pracht, fast wie von Transparenzbildern.

Doch der Schein trügt. Die Bilder sind tückischer als der erste Blick enthüllt. Ihre Attraktivität stellt Fallen für Auge und Empathie.
Ihre schöne Eindeutigkeit hält dem zweiten Blick nicht stand. Ihre Opulenz wird durch eine ganze Reihe von Ambivalenzen unterlaufen. Nature morte vivante - das heißt hier: Tod und Leben sind auf vertrackte Weisen durcheinandergeraten. 

Auch die Komposition kommt dem Auge entgegen. Durch den Größenmaßstab wird Betrachternähe simuliert. Die frutti di mare breiten sich wie auf einem Präsentierteller aus. Sie sind aufsichtig in die Diagonale zwischen Fläche und Tiefe gespannt. Oder bizarre Tentakel verschlingen sich zu einem vertikalen Wasserballett. Ein aufgeschnittener Lachs präsentiert seine weißen Fettadern wie ein symmetrisches Ornament. Nature morte vivante als dekorative Inszenierung von vitaler Stimulanz.Doch der Schein trügt. Die Bilder sind tückischer als der erste Blick enthüllt. Ihre Attraktivität stellt Fallen für Auge und Empathie.
Ihre schöne Eindeutigkeit hält dem zweiten Blick nicht stand. Ihre Opulenz wird durch eine ganze Reihe von Ambivalenzen unterlaufen. Nature morte vivante - das heißt hier: Tod und Leben sind auf vertrackte Weisen durcheinandergeraten. 

Auch die Komposition kommt dem Auge entgegen. Durch den Größenmaßstab wird Betrachternähe simuliert. Die frutti di mare breiten sich wie auf einem Präsentierteller aus. Sie sind aufsichtig in die Diagonale zwischen Fläche und Tiefe gespannt. Oder bizarre Tentakel verschlingen sich zu einem vertikalen Wasserballett. Ein aufgeschnittener Lachs präsentiert seine weißen Fettadern wie ein symmetrisches Ornament. Nature morte vivante als dekorative Inszenierung von vitaler Stimulanz.

Hinter dem farbigen Abglanz tauchen Szenen von Gefährdung und Verwundung hervor. Konträre Welten, die sich eigentlich ausschließen, rücken sich bedrohlich auf den Leib. Nur die komplementäre Bindungskraft der Farben und untergründige Formbeziehungen halten sie zusammen.
Das beginnt mit dem Ort. Keiner ist eindeutig. Die wunderschön überschaubare Raumordnung wird immer wieder disloziert. Was haben die Muscheln bei den Sukkulenten zu suchen? Wie kommen die marinen Weichtiere unter die Wüstensonne, wo ihnen tödliche Austrocknung droht? Die fiktive Symbiose erweist sich als deplaziert. Tintenfische schwimmen im Meerblau, doch das Wellengekräusel entlarvt sich rasch als die Kachelung eines Schwimmbassins. Diese Räume sind aus zwei konträren Welten zusammengesetzt. Sie sind künstlich, bei allem Anschein von Natur.
Auch anderes irritiert. Keine Molluske wird vom Wasser überspült. Alle schwimmen ohne Schleier und Trübung des Blicks im Vordergrund. Jedes Detail tritt so deutlich wie im Zoologiebuch hervor. Das Wasser wogt eher als dekorativer Vorhang im Hintergrund. Wie der Ort, so folgt auch die Wahrnehmung keinem einheitlichen Gesetz. Sie findet auf zwei Ebenen statt.


Doch die Attacken von Konflikt und Destruktion greifen weiter. Durch viele Bilder schneidet es messerscharf. Das ist wörtlich zu verstehen: Mollusken, Salme, aber auch Rhabarberstauden sind wie mit einem Skalpell seziert. Der Schnitt legt Weichteile bloß, kappt Tentakel, weidet Panzer aus. Durch den tranchierten Lachs könnten - das Kabel! - Stromstöße gehen. Oder Muscheln verkriechen sich im Schatten dicker Sukku-lentenblätter und liefern sich prompt der Aggression der Stacheln aus.

Deutet das fahle Rose des Bodens bereits perlmuttfar-bene Verwesung an? Klaffenden Rhabarberwunden entquillt es wie faules, bläulich angehauchtes Fleisch. Das Bild heißt: „Toter Rhabarber". Steht ein Bild wie die „Geburt eines Kaktus" am Gegenpol? Aus einer dürren Nabelschnur bricht, breit und gespannt, die junge Frucht in eine lebensfeindlich ausgeglühte Welt. Fragiles Leben statt vitaler Tod. Auch eine Annäherung.
Wo immer sich Rot aufdrängt, beginnt es zu bluten oder zu sieden. Auf einem Porzellanteller windet sich eine gekochte Krake mit offenliegenden, schwarzen Eingeweidehöhlen. Rotgesottene Polypen schwimmen, zurückgeworfen, wieder im Wasser. Titel: „Naked Din-ner". Leben und Tod pervertieren ineinander. Langusten schwimmen wie Lemminge auf ihr Schicksal zu. Sie enden, mit abgeknickten Fühlern, als Fetzen am Rande eines noblen Pools. Ein nächstes Bild sortiert nur noch die roten Hülsen. Ironische (oder zynische?) Titel: „Zu Wasser..." und „...zu Land". Langustenlos.
Das alles könnte leicht illustrativ bis anekdotisch ausfallen. Ein attraktiv inszeniertes kleines Ersatztheater des Disparaten und der täglichen Grausamkeiten. Doch Stephanie Pech faßt den prekären Zwischenbereich ganz malerisch, ja haptisch, als elementaren Kontrast zwischen Innen und Außen, Schale und Kern, hart und weich. Ins Sensuelle, fast Psychische übertragen: zwischen wehrhaftem Schutz (die Stacheln, die Lederhaut, die Krusten und Schalen) und hilfloser Auslieferung (die Weichteile, das Fruchtfleisch). Hier liegt eine Gemeinsamkeit dieser Fauna und Flora. Entweder sie teilt den Gegensatz von harter Schale und weichem Kern oder das Fleisch liegt ohnedies bloß. Die Bilder spielen Schnittstellen durch. Schließung und Öffnung, Schnitt, Stich und Wunde. Sie fordern aber auch menschliche, bis hin zu vaginalen Assoziationen heraus. Zwei monumentale Muschelbilder heißen-„Akt l" und Akt M". Die Ambivalenz zwischen koloristischem Glanz und schlimmer Verletzlichkeit setzt sich im gar nicht unterschwelligen Widerspiel von Erotik und Abstoßung fort.
Greift es zu hoch, einen Bogen von der vordergründigen Kulinarik zu Metaphern der Existenz zu schlagen? Die marine Fauna als ironischer Spiegel unserer eigenen Welt? Als Opfer und Stellvertreter in eins?
Abschneiden, Ausweiden, Verbrennen, Ausdörren, Rückgratbrechen als Phantasien über Leben und Tod die der Malakt als grelles Sterben in Schönheit ästhetisiert?


Manfred Schneckenburger, 1999