© 2014 Stephanie Pech

Kulinarische Grausamkeiten an der Wand

Porträt: Stephanie Pech bekommt den Hans-Thuar-Preis


Von Christina zu Mecklenburg
 

 


Es ergeht ihr so, wie manch einem Künstler, der ab und zu raus muß aus Atelierluft und -kluft. Stephanie Pech macht gerne Urlaub, irgendwo am Meer. Es dauert jedoch nicht, allzu lange, bis es sie eilends wieder in ihr Atelier in Köln-Frechen zurückzieht. Denn: ihre Sammlung von „objets trouvés", den Meerestieren, ist fürs erste komplett; als Beobachtungsmaterial in Gedanken oder Fotos, und ganz konkret, als getrocknete Souvenirs, wie die gekochte Krake aus Teneriffa oder Muscheln, Krebse, Sepia und Tintenfisch.
Die aktuelle Sammlung gesellt sich zu den schon mehr verwitterten Exemplaren auf ihrem Maltisch. Dort ruht alles vorläufig, zwischen Maltuben, den geschätzten Bildbänden über Hockney, Bacon, Sachbüchern über Meer und Strand oder Pflanzen. Was den frutti di mare widerfährt, das zeigt Stephanie Pechs Werkschau mit Bildern von 1995 bis 1999 im Haus an der Redoute.
Just inmitten von „Kulinarischen Grausamkeiten" erhält heute um 11 Uhr die 31jährige, in Unna geborene, Bonner Künstlerin den Hans-Thuar-Preis. Zum zehnten Mal verliehen von Stifterin Gisela Macke, übergeben vom Direktor des Kunstmuseum Bonn, Dieter Ronte. Eine glückliche Fügung zweier Kunstereignisse für die Meisterschülerin von Professor HJ. Kuhna, Münster.
Früher, weiß Stephanie Pech, sei es für sie einfach nur klar gewesen, sich künstlerisch mit toten Meerestieren oder dahingerafften Pflanzen auseinanderzusetzen, Urlaub-Sonne-Meer-Assoziationen gelten zu lassen. Geht es der Künstlerin doch auch darum, den ästhetischen Reiz ihrer „nature morte
vivante" zeichnerisch, malerisch herauszufiltern. Bewußtes Reflektieren über die Zwielichtigkeit von Erscheinungsformen, die Erkundung eines zunächst nur reinen Farbklangs, das Ein- stellen mehrerer Perspektiven verschärft sich - nachdem sich Pech niederläßt. Mit dieser, für sie essentiellen Freiheit kommt das große Format. Die Inszenierung, das Arrangement ihrer alltäglichen und erlesenen Gegenstände birgt bereits das Hintergründige, Ambivalente in sich. Mit versiertem, teils verspiegelten Pinselstrich und üppiger, gelegentlich barocker Farbregie (siehe das Triptychon „Naked Dinner") wird das Innerste herausgestülpt, bis daß Eingeweide von Lachs, insbesondere Muscheln blutrot glüht, lilafeucht schimmert.So greifen in Pechs Bilderwelt Affinität und Polarität von Flora und Fauna, Schönem und Schaurigem, Lust und Leid, Leben und Tod. Damit verquickt sind Positionen, Befindlichkeiten psychischer Natur wie Wehrlosigkeit/Wehrhaftigkeit, Verletzbarkeit, Verwundetsein oder Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Es ist die Comedie humaine, welche die 10. Hans-Thuar-Preisträgerin allegorisch umsetzt. Mit einem „twinkle in the eye" denkt sie schon an ihre getrockneten Chilli-Schoten und die Rosinenschnecken, die auf ihrem Ateliertisch lagern.

 

Christina zu Mecklenburg, Generalanzeiger, 15.06.1999, Nr.81, Seite 37