© 2014 Stephanie Pech

Das Bügeleisen auf der Jagd nach dem Frosch. Inszenierte Malerei

Maria Engels

 

Wenn sich ein heißes Bügeleisen, offensichtlich gestartet in der rechten oberen Bildecke, springend, Brandspuren auf pinkfarbenem Untergrund hinterlassend, im Zickzack auf einen in der unteren rechten Bildhälfte wie paralysiert hockenden Frosch zu bewegt, bietet das sicher ein paradoxes, so bisher noch nicht gesehenes Bildspektakel. Und das nicht nur wegen des offensichtlichen Verfremdungseffekts, den die ungewöhnliche Kombination von Bügeleisen und Frosch hervorruft. Es hat darüber hinaus sozusagen ein Rollentausch stattgefunden. Der Frosch – Fliegen- und Insektenjäger – wird zum begehrten Beutetier für ein technisches, dem menschlichen Nutzen dienendes totes Gerät, das sich hier handelnd verselbständigt und quasi animalische, bedrohliche Züge annimmt und aus dem Jäger einen Gejagten macht, der die Gefahr nicht erkennen kann, in der er schwebt. Ein vordergründig als Stillleben einzuordnendes Gemälde mutiert so zum hintergründig ambivalenten Bedrohungsszenarium.

 

Stephanie Pech wahrt in allen ihren mehr oder weniger abgründigen Bildkonstellationen den Bezug zu den realen Dingen. Bevorzugte Motive sind kleine, wenig beachtete, bzw. uns eher aus kulinarischen Zusammenhängen vertraute Tiere und Pflanzen, die in einem für sie lebens-

feindlichen, bedrohlichen, vom Menschen gemachten Umfeld wiedergegeben werden. Im Bild wird ihre körperliche Erscheinung zwar häufig ins Monumentale gesteigert, was aber die existentielle Gefährdung ihrer dargestellten Situation eher noch deutlicher hervortreten lässt.

 

Auch der fast drei Meter lange, auf einem mit einer Spitzendecke drapierten Sims vor blutrotem Hintergrund lang ausgestreckt liegende Regenwurm in dem Gemälde „Blind Date“ ist zum Tod durch Austrocknung verurteilt. Ein Tod, den die brillante Opulenz der Farbe, die in fast altmeisterlicher Manier wiedergegebene Stofflichkeit der Spitze, aber auch die vielgliedrige ästhetische Glätte des Regenwurms zum feierlichen Requiem stilisiert bzw. ironisiert.

 

Stephanie Pechs Bilder sind im weitesten Sinne dem traditionellen Begriff des Stilllebens

zuzuordnen; denn einerseits ist das reale Abbild des Dargestellten ihr Thema, seine ganze Stofflichkeit und visuelle Präsenz gehen andererseits durch die befremdlichen Konstellationen, bedrohlich makaberen Situationen, die hintergründige Absurdität der merkwürdigen Begegnungen im Bild weit über den Reiz der präzisen Wiedergabe wirklicher Dinge hinaus. Vielmehr betonen hier die malerische Opulenz, das brillante Kolorit und die Detailgenauigkeit in der Abbildung die Abgründigkeit und subversive Aggressivität der inhaltlichen Aussage, die in aller Regel durch die beigegebenen Titel noch verstärkt wird. Die so transportierte Aussage geht damit auch weit hinaus über jeden Vanitasgedanken, wie er dem klassischen Stillleben häufig mitgegeben ist.

 

Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch die Gestaltung des Bildhintergrundes in Pechs Arbeiten, der nur selten einen identifizierbaren realen Raum wiedergibt, sondern vielfach im Sinne der Farbmalerei als vereinheitlichte farbige Fläche aufgefasst ist, was die dargestellten Szenarien losgelöst von der Wirklichkeit - im Sinne der modernen Malerei - als unabhängige Bildwirklichkeiten vorführt, wobei kühne Aufsichten, Schattenwürfe und Anschnitte die kompositionelle Spannung bestimmen.

 

Das Bild wird so – vielfach fast im wörtlichen Sinn – wie bei den großen Gemälden „Blind Date“, „Regenwurm I“,  oder „Help Me“ und „Barbet Rouge“ zur Bühne malerischer Inszenierungen absurder Zusammentreffen, die die Bedrohung tierischer und pflanzlicher Existenz in einem vom Menschen ausgenutzten, veränderten, lebensfeindlichen Umfeld thematisieren. Der Mensch selbst  betritt diese malerische Bühne nie, lediglich Relikte seines Daseins wie das Bügeleisen, die Spitzen- bzw. Brokatdecke, Stromkabel, Ausschnitte von Badewannen, Bassins, Sofas etc., bzw. Spuren seiner für viele Lebewesen tödlichen kulinarischen Genusssucht sind im Bild präsent.

 

Die verletzten, aufgeschnittenen, ausgeweideten, aufgebrochenen, sterbenden oder auch um ihr Überleben kämpfenden Schalentiere, Fische, Pflanzen, Keimlinge bieten in ihrem eigentlich desolaten Zustand sehr kalkulierte, teilweise hoch ästhetische, z. T. auch erotische Aspekte für den Betrachter und kaschieren einerseits und verstärken andererseits so auf sehr ambivalente Weise den den Bildern innewohnenden Schrecken.

 

So repräsentieren die prächtigen Werke von Stephanie Pech  einen sehr eigenständigen Ansatz neuer gegenständlicher Malerei. Sie erzählen geistreiche Geschichten voller

Absurdität, Ironie und Hintergründigkeit. Sie tun dies mit großem malerischen Potential,

reflektieren dabei auf vielfältige Weise die ältere und jüngere Kunstgeschichte, verbinden

in sehr zeitgenössischer Manier spannungsvolle Komposition und intensive Farbigkeit mit einem narrativen Ansatz und sind in ihrer starken und unmittelbaren Präsenz ganz einfach ein Fest für die Augen.

 

Kunst aus NRW - Ehemalige Reichsabtei Kornelimünster

Maria Engels, 2007

 

 

 

NACKTE TATSACHEN ODER DIE AUTHENTIZITÄT DES INNEREN

Jutta Meyer zu Riemsloh

 

Im Mittelpunkt des künstlerischen Werks von Stephanie Pech (geb. 1968, lebt und arbeitet in Bonn) steht die kritische Offenlegung und Befragung unserer suggestiblen Wahrnehmung der Ding- und Umwelt. Stephanie Pechs Stilllebenmalerei eröffnet existenzielle Einblicke in die Mehrdeutigkeit, Eigentümlichkeit und Wesenhaftigkeit der Dinge. Die Wirklichkeit selbst wird zum Thema. Unsichtbares wird in der Tiefe des Sichtbaren offenbar und damit zum Spiegelbild psychischer Befindlichkeit des Menschen. Ihre Arbeiten erzählen keine Geschichten, sondern hinterfragen den Realitätsgehalt und die Glaubwürdigkeit des Alltäglichen, reduzieren auf das Wesentliche, um das innere Erlebte in seiner ganzen Authentizität nach Außen zu kehren. Stephanie Pechs Arbeiten liefern einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung der Stilllebenmalerei: Tradition definiert und manifestiert ihre Daseinsberechtigung in der Moderne, weil sie das Heute zum Thema hat und sich Fragen der Gegenwart stellt.

 

INSZENIERTE REALITÄT

Eine im ersten Ansatz intuitiv motivierte Sammlung von Dingwelten bildet den Ausgangspunkt für Stephanie Pechs malerische Arbeit. Ihre Bilder sind aber immer inszeniert. Reale Objekte werden bewusst aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, Gegenstandsfotografien zerschnitten und zu Collagen zusammengefügt, perspektivisch verändert. Anhand von detaillierten Skizzen untersucht die Künstlerin Qualitäten und Reize fühlbarer Strukturen. Dabei geht es ihr um Klärung der Form in stofflichen und räumlichen Dimensionen und erst dann um Detailgenauigkeit.

Natürliche Größen nehmen monströse Dimensionen an, die sich auch in den Bildformaten widerspiegeln. Der Regenwurm, klein und verletzbar in der Realität, erscheint groß, ohne die ihm eigene wesenhafte Zartheit zu verlieren, auf scheinbar gleicher Augenhöhe und erzeugt somit das Gefühl von Nähe. Dies ermöglicht dem Betrachter eine intensive Teilnahme an existenziellen Momentsituationen. Die Inszenierung erzeugt also maximale Präsenz. Monochrome Farbgründe, undefinierbare Schatten oder opulente Stofflichkeiten lassen jedoch keine eindeutige Festlegung oder Begrenzung des Orts der Begegnung zu, sondern laden den Betrachter zum Eintreten in den Bildraum ein, da keine Grenzen überschritten werden müssen. Diese Offenheit impliziert auch eine Weitung in den Raum hinein, in dem das Bild hängt. Der Bildraum wird zur Bühne für konträre Welten mit gegensätzlichen Ikonizitätsgraden und verbindet sie zu neuen komplexen Bildthemen und Szenerien, die von radikaler subjektiver Sichtweise der Künstlerin geprägt sind.

 

VEXIERSPIEL WECHSELNDER BLICKE

Mit informellen Körperspuren als Gegensatz zur fast fotorealistischen Feinmalerei gelingt es Stephanie Pech, ihre bildnerische Auseinandersetzung im Hinblick auf eine forcierte Öffnung und Weitung des Raumes konsequent fortzuführen. Collageartig setzen sich Textur und gemalte Dingwelt zusammen. Gegenstände verlieren ihren angestammten Platz, wirbeln umher, bleiben in Strukturen hängen wie in einem Netz. Die geballte, bewegte Energie des spannungsgeladenen Gestus des vom Zufall gelenkten Abdrucks eines menschlichen Körpers steht den in ihrer Existenz ruhenden Gegenständen entgegen und lässt sie in einem neuen Licht erscheinen: Sie verlieren ihre Lieblichkeit. Der Raum weist keine Grenzen auf, ist nicht fassbar, folgt seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten. Er kontrahiert und expandiert, verwickelt den Betrachter in ein turbulentes Vexierspiel wechselnder Blicke, Ansichten und Sehwinkel.

 

MAGIE DER DINGE

Neben der Komposition ist Farbe im Werk Stephanie Pechs Vermittler des Inhalts:Den Farbklang im Kopf, ereignet sich Farbigkeit dennoch während des Malprozesses. Die Malerei reagiert auf die lebendige Komposition. Der Umgang mit Ton in Ton Farbklängen oder Farbkontrasten bedeutet für Stephanie Pech eine Recherche nach vitalem, kraftvollem Spannungspotenzial in Einheit mit dem abgebildeten Gegenstand und steht paradigmatisch für den beabsichtigten Ausdruck. Funktioniert die Symbiose Farbe und Form nicht, werden andere Motive im Bild zugunsten der Farbwirkung aufgenommen. Kaum ein Gegenstand präsentiert sich dem Betrachter in der Farbe, in der er ihn in der Realität wahrnimmt. Die von der Künstlerin gewählte Gestaltfarbe wird als reale Farbe empfunden. Denn ein malerischer Realismus, dessen Ikonizität auf den ersten Blick verblüfft, Detailgenauigkeit und stoffliche Präsenz täuschen den Betrachter und spielen mit ihm ein mitunter ironisches Spiel mit dem Realitätsgehalt, der Glaubwürdigkeit des Alltäglichen, dem scheinbar Offensichtlichen. Bei Betrachtung aus nächster Nähe weicht nicht nur der suggestiblen Wahrnehmung die klare Erkenntnis, auch lösen sich Farbe und Formen in die Ursprünge des Malprozesses, die individuelle Handschrift der Künstlerin auf. Pinselduktus und Pinselstrukturen werden sichtbar und zum Symbol für die innerste Motivation der Malerei: Stephanie Pech will deren traditionelle Qualität wiederbeleben und bewahren. Der Magie der Dinge im Werk Stephanie Pechs kann man sich nur schwer entziehen. Das Wiedererkennen und die Rückbesinnung auf längst verdrängte, zumeist kindliche Erfahrungen oder Instinkte lösen zunächst Distanz und befremdliche Irritationen aus. Die hohe ästhetische Komponente der Malerei und mit Kalkül eingesetzte subtile

Metaphorik der Bildinhalte verführen dann den Betrachter jedoch zu emotionalen Empfindungen, die in Form von Nähe, Faszination bis hin zu Mitgefühl oder Identifikation ihren Ausdruck finden können. Die Magie der Dinge erschließt eine Metaebene, in der die Grenzen zwischen menschlichem Individuum und Elementen der Fauna und Flora aufgehoben scheinen, da auch die wesenhaften Dinge Spiegelbild der Facetten des Lebens sind.

 

Jutta Meyer zu Riemsloh, 2007