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Kunstverein Kunsthaus Potsdam

Ausstellungseröffnung "Hybrid Moves"

Stephanie Pech

12.05.2024

Eröffnungsrede

Sophia Petryga, Kuratorin Kunstverein Kunsthaus Potsdam

Das Erste was auffällt, wenn wir die Ausstellung „Hybrid Moves“ betreten, ist die wandfüllende Leinwand, die eine komplette Länge des Ausstellungsraumes einnimmt und mit fast 25 Quadratmetern den Grundriss eines eigenen Raumes bilden könnte. Aus der großen Arbeit spricht die Handschrift der Malerin Stephanie Pech, die Dynamik ihres Farbauftrages und die Fähigkeit Farben zu kombinieren, die ein größtmögliches Spannungsverhältnis aufbauen, ohne sich gegeneinander auszuspielen. Gleichzeitig haben wir es hier mit einer Installation zu tun, die ortsspezifisch ist und durch ihre Größe und Positionierung die Dynamik der Malerei in den Raum überträgt. Außerdem ist diese Arbeit Untergrund und Zeugnis einer tänzerischen Performance, die vor einer knappen Woche hier im Kunsthaus stattfand und ein bislang unvollendetes Werk, das in den nächsten Tagen fertiggestellt werden wird. Wir sind heute also nicht nur an einem Ort des Kunst-Zeigens, wie es in einem Kunstverein ja meistens der Fall ist, sondern gleichzeitig an einem Ort des Kunst-Schaffens, wie es normalerweise hinter verschlossenen Türen im Atelier passiert, haben nicht nur eine in-situ-Arbeit vor uns, sondern gleichzeitig eine work in progress.

 

Zum ersten Mal hat Stephanie Pech für diese Ausstellung mit der Komponente Tanz gearbeitet: Gemeinsam mit den beiden Tänzerinnen Finja Kelpe und Arianna Di Palma wurde eine Choreographie erarbeitet, die wiederum viele Aspekte miteinander verbinden musste. Zum einen die tänzerische Qualität, die inhaltliche Konzeption der Künstlerin und zusätzlich – und hier kommt das Novum für alle Beteiligten – musste die Performance malerisch auf der Leinwand funktionieren, denn die beiden Tänzerinnen waren von Kopf bis Fuß mit Farbe bemalt, sodass jede Bewegung eine Spur auf der Leinwand hinterließ. Eine aufregende Angelegenheit, wie Sie sich vorstellen können, denn es gab selbstverständlich nur eine Leinwand und somit nur einen Versuch. Das Resultat dieser Performance können Sie als Video auf der Empore betrachten, von Kristina Tschesch aufgenommen und produziert, aber auch in den Spuren auf der Leinwand. Hier zeigt sich die Dynamik der beiden Tänzerinnen, das aufeinander Zugehen, Zusammentreffen und Trennen, die unterschiedlichen Rollen, die beide eingenommen haben und dadurch auch die Unterschiedlichkeit der Spuren, die sie hinterlassen. Sie stehen für die Dualität von Mensch und Tier, das Gegensätzliche aber auch Verbindende: Auf den ersten Blick grundverschieden, treffen beide Pole aufeinander und zeigen gleichzeitig etwas vom jeweils anderen, das Tierische steckt im Menschen und das Seelenhafte, Bewusste ebenso im Tier. Eine der Tänzerinnen war während der Performance in einem dunklen Kamin-Rot bemalt, die andere in einem lachsigen orange-rosa. Sie erkennen beide wieder, wenn Sie auf die Leinwand schauen, teilweise klar monochrom voneinander abgegrenzt, teilweise in Kulmination des Tanzes und der Bewegung auf der Leinwand so sehr miteinander vermischt, dass man keinen einzelnen Körper mehr ablesen kann. Und auch die Bewegung beider Tänzerinnen findet sich wieder, das in die Mitte gehen, jede für sich, leichte Spuren hinterlassend, aber auch die zwei Orte des Aufeinandertreffens, des Austausches von fast kämpferischem Ausdruck sind deutlich erkennbar.

 

Dadurch, dass die Leinwand im Anschluss an die Performance, aufgehängt wurde, also von der Horizontalen in die Vertikale überführt wird, werden diese Spuren zu expressiven Gesten, die die Dynamik ihres Ursprungs noch sichtbar in sich tragen, aber nicht mehr direkt abzulesen sind. Im wortwörtlichen Sinne findet hier ein Perspektivwechsel statt, indem die Bodenarbeit zur Wandarbeit wird, nichts neues in der Kunst, man denke an Maler wie K.O. Götz, Jackson Pollock oder Georg Baselitz, die ausschließlich auf dem Boden gearbeitet haben, um die Bilder dann an die Wand zu bringen. Der Unterschied beim Bild von Stephanie Pech ist, dass die eigentliche malerische Arbeit erst an der Wand beginnt und nun aus Strukturen der Spontanität ein Bild entsteht. Die Körperabdrücke sind zunächst nur eingefrorene Momentaufnahmen der Performance, die malerisch eingefangen werden müssen. Die vermeintlich zufälligen Spuren und Strukturen müssen erst einmal erkannt und gewürdigt werden, also geht Stephanie Pech auf die Suche.

 

„Wenn man einen mit Farbe getränkten Schwamm an die Wand wirft und den entstandenen Fleck betrachtet, dann entfaltet sich eine suggestive Wirkung, der Fleck erweckt Vorstellungsbilder, die man in sich trägt.“ schreibt Leonardo da Vinci in seiner Schriftensammlung Trattato della Pittura, die ab 1490 entsteht, „…weil unbestimmte und verrückte Dinge den Geist zu neuen Einfällen reizen.“ Diese Beobachtungsoperationen als Prototyp des Rorschachtests ziehen sich seitdem durch die Kunst, immer wieder werden Rindenstücke, Tintenkleckse, Kaffeeflecken und Schlammspuren als Anregungen genommen, um daraus ergänzend Landschaften, Personen oder Objekte zu entwickeln. Im Surrealismus werden diese Inspirationsquellen auf die Spitze getrieben, ein Raum außer- bzw. oberhalb von Bewusstsein und Wirklichkeit geschaffen. Techniken wie ecriture automatique, also das automatische Schreiben in freier Assoziation, cadavre exquis, das Spiel, bei dem man ein nicht gesehenes Bild auf einem gefalteten Blatt fortsetzt, oder der Frottage, also das Durchreiben eines strukturierten Untergrundes auf Papier oder Leinwand, werden als Quellen zum Unbewussten genutzt und bewirken damit die Auflösung der Grenzen „zwischen Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität“, wie André Breton es beschreibt. Etwa zwanzig Jahre später wurde mit der form- und gegenstandslosen Kunst des Informel diese Geisteshaltung weiterentwickelt. Die Darstellung des Unbewusstseins beschränkt sich hier auf die reine Geste und wird darüber hinaus zur Suche nach dem Unbekannten, noch nicht gezeigten in der Kunst; der emotionale Ausdruck des Künstlers oder der Künstlerin wird zum Selbstausdruck des Bildes, die Malerei, Farben, Material und Strukturen stehen für sich, jenseits klassischer Konzeptionen, Motive und Kompositionsschemata.

 

Aber zurück zu Stephanie Pech. Die Motive und Strukturen, die sie aus den zwar gesteuerten, aber schließlich auch vorgefundenen Körperabdrücken herausarbeitet, zeigen ein breites Repertoire zwischen Figuration und Abstraktion. Zum einen lässt Pech die Unklarheit zu, akzentuiert Formloses, indem sie diese beispielsweise mit Sprühfarbe schattiert und ihnen so Tiefenwirkung und damit Bedeutung auf der Leinwand erlaubt. Gleichzeitig erkennt sie – wie in der gerade beschriebenen Praxis Leonardos – Dinge oder Lebewesen darin, wie hier auf der Leinwand Teile von Krabben und anderen Meerestieren, die sich teilweise mit menschlichen Körperteilen verbinden und manchmal zu technoid anmutenden Chimären werden. Darüber hinaus gibt es Darstellungen auf der Leinwand, die sich uns als Betrachter:innen öffnen, die zwischen Abstraktion und Figuration changieren und Spielraum lassen, für unseren ganz persönlichen Rorschachtest. Ich persönlich bin zum Beispiel der festen Überzeugung, dass an der oberen Kante des Bildes ein Kürbisgewächs schwebt, andere könnten darin einen Zeppelin sehen und vielleicht ist nichts davon so angelegt, sondern es brauchte nur eine amorphe Form mit Gelbanteil, um in diesen Teil des Bildes noch etwas Spannung reinzubringen.

 

Hier zeigt sich die breite Themenwelt, die sich durch die Malerei von Stephanie Pech zieht: Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, also Tieren und Pflanzen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Die Entfremdung, die zwischen den vermeintlichen Gegenpolen Kultur/Natur, Mensch/Tier entsteht, wird durch die fortschreitende Digitalisierung und den seit kurzem auch für jeden sichtbaren, unaufhaltsamen Siegeszug der künstlichen Intelligenz noch verstärkt. In ihrer Malerei kommen diese Pole in einer großen Selbstverständlichkeit zusammen, das Gegensätzliche scheint aufgehoben, die Lebewesen erinnern an die Beschreibung Donna Haraways in ihrem 1985 veröffentlichten „Cyborg Manifesto“, dass der Mensch ein hybrides Wesen zwischen Biologie, Technologie und Kultur sei. Speziell in ihrer Wandarbeit geht Stephanie Pech auf den uns wahrscheinlich unbekanntesten Teil der Welt, nämlich das Meer ein. In Hinblick auf die gerade angerissenen Ausführungen über das Unterbewusstsein und die Freilassung dessen in der Kunst, kann gerade die Tiefsee als symbolisch-programmatisch gelesen werden. Besonders Meerestiere wurden deshalb gerade im Symbolismus, beispielsweise bei Odilon Redon oder James Ensor, oder im Surrealismus, bei Max Ernst oder Yves Tanguy, häufig dargestellt. Bei Stephanie Pech geht die Darstellung dieser über die rein symbolische Bedeutung hinaus, sie spricht gleichzeitig über das Meeresleben als Ressource, die durch den Menschen ausgebeutet wird. Gerade die Krabbentiere, Krebse, Hummer oder Garnelen, sind zum einen elementar für das Ökosystem Meer, gleichzeitig aber beliebt auf dem Speiseplan des Menschen und entsprechend massiv durch Überfischung bedroht. Durch ihre oft schillernden Farben und Texturen sind sie außerdem äußerst spannend in der malerischen Darstellung. In Zusammenhang mit den Körperabdrücken auf den Leinwänden bildet sich allein durch die Größenverhältnisse ein Gegensatz, der durch die Beschaffenheit der nackten, menschlichen Haut und des diese kontrastierenden schalenhaften Exoskeletts verstärkt wird.

 

Auch den anderen ausgestellten Bildern liegt der Abdruck des weiblichen Körpers zugrunde, mit dem Pech seit Jahren arbeitet. Diese sogenannten „Anthropometrien“, wörtlich übersetzt: die Lehre des menschlichen Maßes, tauchen zuerst bei Yves Klein auf, der ab 1960 weibliche Modelle meist im typischen Yves Klein-Blau für Abdrücke auf weißem Untergrund nutzte, teilweise aber auch über das Trägermaterial zog oder die Flecken und Spritzer des Farbauftrages am Körper in seine Bilder einbezog. Ich nehme hier ganz bewusst den Begriff „nutzen“ im Sinne von „benutzen“, denn der Körper des weiblichen Modells ist hier ganz klar die Verlängerung des Armes des Künstlers, Klein selbst bezeichnet sie als „lebendige Pinsel“: „Meine Modelle waren wie Pinsel. Ich ließ sie mit Farbe bemalen und ihren Körper auf Leinwand abdrücken. Danach entwarf ich den Abdruck einer Art Mädchenballett auf einer großen Leinwand, die der weißen Matte der Judokämpfe glich.“ Auch wenn Klein in seinen Aussagen immer daran gelegen war, besonders den anthropometrischen Performances nie einen obszönen, frivolen und nicht einmal erotischen Charakter zu verleihen, sondern er sich stärker an prähistorischen Handabdrücken und Negativen wie in Lascaux und Altamira orientierte, merkt man anhand des Zitats trotzdem, dass der weibliche, nackte Körper reines Werkzeug ist und die Frau als Modell einen passiven Part innerhalb seiner Kunst einnimmt. Obwohl Stephanie Pech ebenso den Körper eines weiblichen Modells und seine Abdrücke in ihrer Kunst verwendet, stellen sich bei ihren Arbeiten die Fragen nach Voyeurismus oder Passivität nicht. Vielmehr sehe ich darin eine Rückeroberung des tradierten Motivs des weiblichen Aktes. Man denke an die Guerilla Girls, die 1989 fragten: „Do women have to be naked to get into the Met. Museum?“ und damit die ungleiche Repräsentanz von Künstlerinnen (unter 5% in der modernen Sektion) und dem weiblichen Akt (über 89% der Aktdarstellungen) im Metropolitan Museum of Art anprangerten. Das Normale ist also unter den vielen, vielen Akten der Kunstgeschichte der männliche Künstler, der die unbekleidete Frau malt. In der Darstellung einer Frau durch eine Künstlerin steckt gewissermaßen auch ein Selbstportrait. Dadurch wird die Passivität der Dargestellten, wodurch immer auch die Tendenz zum Voyeurismus entsteht, aufgehoben, nicht der Körper wird sich angeeignet, sondern das Sujet. Gerade in der Performance, die dieser Ausstellung voranging, waren die beiden Tänzerinnen auf keinen Fall „lebendige Pinsel“ oder Material zur Bilderstellung, sondern aktiver Part eines künstlerischen Prozesses.

 

Durch das Zusammenspiel von Körperabdrücken und daraus resultierenden oder frei hinzukommenden Motiven auf den Bildern Stephanie Pechs, die in ihrer Unterschiedlichkeit zwischen Körperformen und -fragmenten, Pflanzen, Blüten und Tieren, aber auch technischen Alltagsgegenständen und surrealistischen Formen oszillieren, entsteht eine eigene Welt, die mit bekannten Mitteln und Sujets, trotzdem nach ihren eigenen Regeln und in ihrer eigenen Welt existiert. Es sind fast metaphysisch wirkende Orte, teilweise mit dystopischen Anklängen, manchmal traumhaft in ihrem Realismus, in denen die irdischen Gesetze ausgehebelt sind und eine Blume gleichwertige Protagonistin neben einem Menschen und einem Stromkabel sein kann. Als Betrachter:innen, für die diese Gesetze nicht gelten, haben wir die Chance, diese Welten zu beobachten, oder, um es mit der großen Dorothee Bauerle zu sagen: „Wir dürfen uns wundern, dass es diese Bilder gibt.“

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